MURNAU 2

Murnau am Staffelsee, Bayern, Deutschland

 

 

 

Die dreiundsiebzigste Woche unserer Reise: Montag, 30. März bis Montag, 06. April 2020

 

 

 

In Murnau, dem Künstlerort, der aus frostigen Nächten erwachenden Frühlingsblume. Tag für Tag schlägt der April mit sonnigen Wärmewellen gegen das Blaue Land. Schon kurz nach sechs Uhr am Morgen lockt der klare Himmel mit Orange- und Magentafarben zum schnellen Aufstehen, um ja nichts von den hellen Stunden zu verpassen, die sich zeitlich zwar immer länger ausbreiten als die vorausgegangenen, aber Gelegenheiten bieten, die sich nicht wiederholen werden. Ein Tag, der seine Kristallglocke über das Städtchen wölbt, ein kleines Universum zu schützen: die von Gabriele Münter gemalten Häuser, Auen und Berge, darin die bunten Tiere von Franz Marc, die noch in den Ställen stehen. Geschützt durch den noch schneebefleckten Werdenfelser Bogen, der das weitaufscheinende Hochmoor im Süden wie ein gewaltiges, felsiges Amphitheater umschließt.

 

Bedingt durch die Selbstisolation befinden wir uns trotz der Nähe zu unsrem Wohnort noch immer auf großer Fahrt, die bisherige Lebensweise fortsetzend: als Gäste in fremden Häusern, die Eindrücke zeichnend, malend und schreibend verarbeitend. Auch die Ziele dieser Reise verfolgen wir unverändert: zu europäischen Künstlerkolonien und Künstlerorten zu fahren, dort die historischen Bezüge kennenzulernen und gemeinsam mit zeitgenössischen Künstler*innen zu arbeiten, um das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Menschen in Europa zu fördern. Freilich findet das hier nur bedingt statt, jedoch rudimentär im eigentlichen Sinne, denn in Murnau können wir an gewachsene Beziehungen anknüpfen – zum Künstlerort und seinen Künstler*innen. Leider funktioniert das in diesen Zeiten nur telefonisch und durch das Fenster: wir sehen den übrig gebliebenen Rest des Parkes, den Emmanuel Seidl anlegen ließ, Fassadenwinkel des alten Schlosses, das Weiß der Nikolauskirche, einige der gotischen Giebel an der Marktstraße und den Eingang zur Produzentengalerie von Luna Sonnemann und Marc Völker (kuhaus.de).

 

Wie soll es weitergehen?

 

Vor der Verbreitung des Corona Virus, hatten wir natürlich konkrete und weitreichende Pläne. Im Anschluss an unsere Schreibwerkstatt in Süditalien wollten wir über Matera, Capri und den historischen Ort Tusculum zu unserem Malerfreund Carlo Tarani nach Firenze fahren (facebook.com/carlo.tarani). Von seinem Atelier aus beabsichtigten wir, nach Bayern zurückzukehren, um uns medizinisch versorgen zu lassen und den Geburtstag meiner Tochter zu feiern. Für die darauffolgenden Wochen hatten wir unsere Teilnahme an einer Ausstellung in Môret-sur-Loing, Frankreich, angemeldet – anschließend stand, schon von langer Hand geplant, eine Reise mit Clowns-Ohne-Grenzen nach Rumänien auf dem Programm. Von dort aus wollten wir die Künstlerkolonien Baia Mare und in Ungarn Szentendre, Gödöllö, Újkér sowie die zeitgenössische Künstlergruppe in Szolnok ansteuern. Vorbereitend standen wir diesbezüglich schon seit Monaten mit Dagmar und Imre Szakács, Vesö Agoston, Tibor Bráda und Ilona Deák in Kontakt, die wir aus dem Internationalen Künstlertreffen 2016 in Murnau kennen. Für die Sommermonate war eine Reise nach Norddeutschland und weiter zu skandinavischen Künstlerkolonien vorbereitet. Auch hierzu hatten wir im Vorfeld bereits alle Reiseetappen geplant, Unterkünfte organisiert, Freunde und Bekannte angeschrieben, die wir besuchen wollten: Jochen Semken und Carla Frese in Worpswede, Gertrud Hvilberg Hansen in Faaborg/Dänemark, Marianne Hoff und  Björg Biöberg in Balestrand/Norwegen, Kjell Ekström auf den Åland-Inseln, Hans Götze und Désirée Holzerland in Ahrenshoop, Sabine Drasen in Potsdam und Carola Pauly von der Havelländischen Malerkolonie Ferch.

 

Auch wenn uns die Corona-Pandemie momentan daran hindert, die Reise wie geplant fortzusetzen, haben wir doch schon eine Menge erreicht: über ein ausgedehntes Teilgebiet Europas hinweg sind Verbindungen zwischen Menschen entstanden, die es zuvor nicht gab; positive, kreative Bezüge, in deren Pflege und Weiterentwicklung wir unsere Aufgabe sehen. Und auch die übrigen auf der paneuropäischen Landkarte anvisierten Ziele bleiben auf unserer Agenda – für einen späteren zweiten Teil unserer Reise zu den europäischen Künstlerorten.