BELGIEN 2

Merelbeke in Ostflandern, Ter Crombrugghe

 

 

 

Die fünfundzwanzigste Woche unserer Reise: Montag, 22. bis Montag, 29. April 2019 –

 

 

 

Nach den Erfahrungen der ersten fünf Monate der Reise hatten wir uns vorgenommen, die gesammelten Eindrücke regelmäßiger zu verarbeiten - durch Zeichnen, Malen, Schreiben und Lesen. In Belgien folgt deshalb jedem Tag, an dem wir Kunst und Künstler besuchen, ein Tag zum Arbeiten. Hier, in Merelbeke verfügen wir über eine große Atelierwohnung, in der wir unsere Utensilien ausbreiten können – auch der uns umgebende Park (bevölkert von blühenden Rhododendren, Obstbäumen, Buchen, Linden und Eichen, aber auch Vögeln, Poitou-Eseln und weiteren Tieren), lädt zum Malen ein, die Ufer der Schelde zum Wandern. Mehrmals am Tag schaut Pipa, die Nachbarshündin, bei uns vorbei, um Coco zum Spielen abzuholen.

 

Die Woche begann mit dem von mir seit vielen Jahren ersehnten Besuch am Meer in dem Museum, das sich Paul Delvaux, eines meiner frühen Idole, schon zu seinen Lebzeiten in Sint Idesbald eingerichtet hat. Einen noch älteren Traum konnte ich mir auf dem Rückweg nach Merelbeke erfüllen. Wir besichtigten die unglaublich schöne Stadt Brugge, in der ich 1978 beobachten konnte, wie Frühmorgens ein riesiger runder Käselaib über den Markt gerollt wurde.

 

Weitere Exkursionen führten uns ins nahe Gent, wo wir staunend vor den Bildern des Altars der Gebrüder van Eyck in der Sint Baafskathedraal standen. Sie zeigen die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes mit Engeln und Heiligen. Ein Engel auf der Rückseite des Altarblattes trägt Flügel aus der Schale einer Wassermelone. Wie Brugge war Gent schon vor über 500 Jahren eine der reichsten Städte des Frühkapitalismus; entsprechend eindrucksvoll rivalisieren die Gebäude, die seitdem errichtet wurden, untereinander mit Charme und Opulenz. Unser Augenmerk galt aber auch dem Zeitgenössischen: Graffiti und Streetart an prominenten Plätzen und Straßen!

 

Den letzten Besuch in dieser Woche statteten wir der euroArt Künstlerkolonie Sint-Martens-Latem ab, eine der reichsten Gemeinden in Belgien. An den Hauptverkehrswegen reihen sich Vertretungen der Kaufhäuser Porsche, Tesla, u. a. aneinander. Die Häuser und Villen, zumeist umgrenzt von hohen Heckenwänden, stehen inmitten von lichten Wäldern. An einem verregneten Vormittag betraten wir die private Stiftung Dhondt-Dhaenens im Ortsteil Deurle. Hier setzten wir uns mit den Positionen unterschiedlicher Künstler der vergangenen 50 Jahre auseinander und besichtigten die Bibliothek des Kurators Jan Hoet – er nennt sie „Wunderkammer“. Tatsächlich fanden wir uns an einem besonderen Ort, in dem außer der Aussicht aus dem Fenster und den sichtbaren Buchrücken ringsumher alles in Grau erscheint; der ideale Ort, um sich auf eine geistige Arbeit zu konzentrieren. Die Bibliothek wird von der Stiftung als Wohnung und Arbeitsplatz für Artists in Residence vergeben. Unter den Museen der Gemeinde Sint-Martens-Latem hatten wir uns besonders auf den Besuch des Gemeentelijk Museum Leon de Smet gefreut; vor Ort erfuhren wir, dass das Gebäude gerade abgerissen wurde … die Sammlung war nicht zugänglich. Da uns die Bilder seines Bruders, Gust de Smet, weniger interessierten (zu sehen im Gemeentelijk Museum Gust de Smet), beschränkten wir uns auf den Besuch des Gemeentelijk Museum Gevaert-Minne, das einen guten Überblick über die spannende Geschichte der historischen Künstlerkolonie gibt. Hier, wie bereits in Deurle, wussten die Mitarbeiter des Museums nichts von der Mitgliedschaft ihrer Gemeinde bei euroArt (European Federation of Artists' Colonies). Dieses Fehlen der Verbindung zwischen Politik und Basis ist uns auf unserer Reise bereits mehrmals aufgefallen, sogar am Ort der Wiege der Künstlerkolonien in Barbizon. Im Museum Gevaert-Minne überraschte uns dagegen die private Initiative: da die Gemeinde finanzielle Mittel ausschließlich für flämisch-sprachige Informationen zur Geschichte der Kolonie, zu den Künstlern und Bildern bereitstellt, verfasste und verlegte der sympathische Museumsführer selbst einen englischen Text. Hierdurch finden nicht nur ausländische Gäste einen Zugang zur Künstlerkolonie, sondern auch belgische Bürger, die Flämisch nicht verstehen (die drei belgischen Amtssprachen sind Niederländisch, Französisch und Deutsch).