SELINITSA 5

Selinitsa in Messenien auf der Peloponnes, Griechenland

 

 

 

Die vierundsechzigste Woche unserer Reise: Montag, 27. Januar bis Montag, 03. Februar 2020

 

 

 

Heute haben wir Kalamata, der größten Hafenstadt in Messenien, einen Besuch abgestattet. Trotz des schweren Erdbebens im Jahr 1986, durch das sehr viele historische Gebäude beschädigt oder zerstört wurden, lassen sich die grundlegenden Strukturen der einst fränkischen Stadt noch erkennen. Unterhalb der Burgruine aus dem 13. Jahrhundert erstrecken sich die Markthallen (Oliven aus Kalamata!) und weiter südlich beidseits wie Fischgräten von der Fußgängerzone abzweigend  Gässchen voller kleiner Geschäfte. Hier erstanden wir gemeinsam mit Emily Krauß, die wir beim Artsclub kennengelernt hatten, Stoffe, aus denen sie uns einige Kleidungsstücke fertigen wird, die wir dringend benötigen (facebook.com/emilyoutfit).

 

Nach weiteren Einkäufen, darunter Farben, Mehl, Fisch und Wein, steuerte uns Uta in einstündiger Fahrt zurück nach Agios Nikolaos - durch geschichtsträchtiges Gebiet über Berge und Täler. An der Stelle des heutigen Kalamata befand sich über viele Jahrhunderte hinweg die antike Stadt Pharai, die bereits Homer erwähnte. Ebenfalls vom großen Dichter besungen, schmiegt sich in eine malerische Bucht das Dorf Kardamili, nur noch wenige Kilometer von unserem Wohnort entfernt. Im neunten Gesang der Ilias benennt er Kardamili als eine der sieben Städte, die Agamemnon dem Achilles anbot, damit sich dieser während des Trojanischen Krieges dem Kampf wieder anschließe. Auf Schritt und Tritt begegnet uns hier Geschichte und Mythologie. So sollen sich die Gräber der für ihre Bruderliebe berühmt gewordenen Zwillinge Castor und Pollux in der Nähe eines Wanderwegs oberhalb der Altstadt befinden.

 

Kardamili gewann für mich aber auch aus rein profanen Gründen an Bedeutung. Seit Mitte Januar durchstöberte ich täglich das Namensregister in Gregg’s Café, Agios Nikolaos, denn ich erwartete eine dringende Postsendung. Moralische Unterstützung fand ich bei Gregg selbst, dessen Frau Kathy und seiner Mutter Frieda. Alle drei fieberten mit mir und verwickelten den Postboten mehrmals in detektivische Gespräche, aber immer umsonst. Am 30. Januar schließlich begleitete uns Gregg zum nächsten Postamt. Hier in Stoupa steht auf dem Boden hinter dem Schalter ein blaues Plastikkörbchen. Wann immer eine Sendung hereinkommt, deren Bestimmungsort weiter im Süden liegt, sollte sie hier landen. Obwohl der Inhalt des Körbchens erst vor einer Stunde geleert und weiter transportiert wurde, warteten bereits wieder Postsendungen auf den Fahrer. Das Objekt meiner Begierde fand sich nicht darunter, was Gregg nach einer längeren Unterhaltung mit den im Postamt stehenden Männern herausfand. Er durfte den Befund selbst überprüfen. Also fuhren wir weiter zum nächsten der postalischen Route vorgelagerten Stützpunkt. Auf diesem Weg gelangten wir nach Kardamili. Hier wiederholte sich das Schauspiel: Gregg führte mit mehreren Männern am Tresen Gespräche und inspizierte im Anschluss das blaue Körbchen. Eine an mich adressierte Postsendung fand er dabei wieder nicht. Wohl von begründetem Misstrauen geleitet, begann er nun, das Servicepersonal insistierend in die hinteren Korridore der Postfiliale zu drängen. Hier durchkämmte er eigenhändig Regale und verborgene Schubladen und stieß dabei auf ein Relikt, dessen Weitertransport schlicht vergessen wurde, meine Postsendung.

 

Ich habe gelernt, dass ich mich auf die Menschen in Griechenland verlassen kann – Gregg ist ein Held! Vor unserer Detektivreise hatte mir seine Frau versichert: „You are in Greek. Everything will be alright“ - Greggs Mutter, Frieda, daraufhin korrigierend: „Everything is possible.“