Mani 14

Káto-Rígklia, Dytikí Máni, Elláda

 

Die 13. Woche: Donnerstag, 22. bis Mittwoch, 28. Februar 2024

 

Wir haben unser gegenseitiges Versprechen eingehalten und in die zurückliegende Woche, die wir meist in den Ateliers und am Schreibtisch verbracht haben, einen freien Tag eingebaut.

Im direkten Anschluss an die Unterrichtsstunde bei unserer Griechisch-Lehrerin Sófia holten wir Flocke heute zuhause ab und steuerten Pigí an, das von uns aus nächstgelegen Dorf an der Straße, die von Kalamáta in die Máni führt. Obwohl wir die alten Häuschen von unserem Garten aus sehen können, haben wir den Nachbarort noch nie zuvor besucht. Die Sonne hatte die meisten Bodensteine bereits aufgewärmt und Katzen angelockt. Über dem Dorfweg durchkletterten Legionen Fränkischer Feigen die steilen Felsen und bildeten Rahmen um die zahllosen Erdnischen, aus denen sich gelbe, weiße und rote Blüten in den Wind lehnten.

 

Wir trafen auf zwei alte Damen, plauderten ein wenig und hielten vergeblich Ausschau nach dem Oldtimer-Mercedes von Annette Hilbrecht, einer Metallkünstlerin und Mitglied in unserem Verein Artists in Motion, die seit mehr als 30 Jahren in Pigí lebt. Heute, an einem gewöhnlichen Mittwoch, wird sie irgendwo unten in der Bucht einer Auftragsarbeit nachgehen, von deren Erlös sie lebt. Annette hat uns erst letzten Samstag in Agriakóna besucht und zu Máni-Pulse eingeladen, einem großen Kunst-Festival, das im September stattfinden wird.

 

Nach dem Genuss der Stille, die in alten Gemäuern hoch über dem Meer residiert, fuhren wir einige wenige Kilometer weiter nach Süden zum einstigen Schlaf-Orakel Thalámes, um unter der mächtigen Platane, deren ausladender Baldachin den Dorfplatz beherrscht, zu speisen. Die Taverne, eine der wenigen, die ganzjährig geöffnet hat, ist für einfache Hausfrauenkost wohlbekannt. Als die einzigen Gäste brachte man uns zu Wasser und Brot zügig Chórta, ein kalt angerichtetes Wildgemüse und Skordaliá, ein Mus aus gekochten, zerdrückten Kartoffeln mit Knoblauch, Olivenöl und Zitronensaft. Anschließend vergnügten wir uns mit Stifádo, einem Schmorbraten, dessen Rezeptur Venezianer im 13. Jahrhundert nach Griechenland eingeführt haben und mit Sousoukákia, raffiniert gewürzten Hackfleischbällchen. Ein beständig von den Bergen herabfahrender Wind hielt die wärmende Kraft der Mittagssonne fest im Griff. Während Flocke die schützende Höhle unseres Tisches nicht verließ, spielten davor die Dorfhunde mit dem herumliegenden Müll. Für eine Weile schien die Zeit stillzustehen zwischen den alten Steinhäusern, von deren Wänden nur die Stimmen zweier griechischer Männer und einer alten Frau widerhallten, die im Gasthaus arbeiteten.

 

Später, wenige Meter südlich der Grenze, die die Máni in einen messenischen und einen lakonischen Teil scheidet, verließen wir die Hauptstraße und schlängelten uns die Serpentinen eines schmalen Weges dem Meer entgegen. Entlang blauer Schlieren, die sich dem Horizont zu in einem gleisenden Weiß verloren, blickten wir in den Spiegel der Unendlichkeit. Ihm gegenüber wurde das Land bis hinunter an das felsige Ufer von einer unüberschaubaren Vielfalt blühender Pflanzen beherrscht, unter ihnen Anemone, Affodill und Wolfsmilch. Uta entdeckte sogar erste Exemplare des Klatschmohns! Auf unserer kurzen Wanderung pflückten wir wilden Spargel und verschenkten ihn an zwei Wildcamper, deren Weg wir kreuzten.

 

Für den Rückweg entschieden wir uns für eine ausgedehnte Panoramafahrt. Sie führte weit über der Küstenstraße entlang des Gebirgsrelief, durch Talschlüsse, über sich kilometerweit ausladende Aussichtsterrassen und berührte halbverlassene Dörfer. Mitunter erinnerte mich die Landschaft stark an eine schöne Variante der Côte d’Azur, denn ich kann mir gut vorstellen, wie diese Küste vor 150 Jahren ausgesehen haben mag.

 

Nun sitzen wir wieder in unserem Häuschen. Während der Wind an den Fensterläden rüttelt, denke ich an den heftigen Sturm zurück, der vor zwei Tagen die Küstenstraße mit Sand bedeckt, Laternen umgeknickt und alle Müllcontainer tief in den Olivenhain geschoben hat. Schon immer herrschte die Natur mit all ihrer Schönheit und Gewalt über diese Halbinsel. Aus Utas Atelier tönt die pathetische Stimme von Kóstas Hatzís, einem in Griechenland sehr bekannten sozial engagierten Dichter und Sänger, der seit mehr als 60 Jahren Schallplatten aufnimmt. Ihm zu folgen wäre eine weitere verlockende Herausforderung.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Susanne Czepl (Donnerstag, 29 Februar 2024 12:52)

    Hallo Ihr Weltenbummler! Mit Euren Berichten entsteht bei mir regelrecht das Kopfkino, das mich durch die Landschaft schlendern lässt. Vielen Dank und alles Gute!