AGRIA 1

Káto-Rígklia, Dytikí Máni, Elláda

Die erste Woche: Freitag, 16. bis Donnerstag, 22. Januar 2026

 

Am Donnerstag letzter Woche haben wir Griechenland erreicht. Hier ein Auszug aus dem  Logbuch: 

14.01. / 8:00 Italienisches Frühstück im „Ca’ di fiore“ in Mira, serviert von einem Cameriere mit  sympatischem Chaplin-Lächeln unter echten Gemälden. 12:30 Abfahrt  von Venezia mit der Fähre ΛΕΥΚΟ ΟΡΙ, die wir bereits kennen. Die Nacht bleibt ruhig. Ich schlafe ein wenig. 

15.01. / Wir haben großes Glück. Die See bleibt ruhig, ich kann schreiben. Um 7:30 passieren wir die apulische Halbinsel Gargano, um 15:00 Uhr landen wir im griechischen Hafen Igoumenítsa. Kurz vor Mitternacht erreichen wir Πατρα, kommen in einem Fremdenzimmer unter. 

16.01. / Die Nacht gefüllt mit unruhigen Träumen. Morgens bleibt die Dusche kalt. Wir verlassen Πατρα fast fluchtartig. Während Uta tapfer steuert, falle ich immer wieder in den Sekundenschlaf - eine nicht gerade heldenhafte Leistung für einen Beifahrer. Draußen scheint die Sonne. Wir halten in Kalamáta, um auf dem Markt frische Lebensmittel zu erstehen. Uta überzeugt mich, im Fischrestaurant zur  „Blauen Garnele“ zu speisen. Eine hervorragende Idee! Dieses Etablissement bildet den östlichen Endpunkt der Markthallen, bietet frische, einfache und durchwegs bodenständige griechische Kost an und wird vor allen anderen von Einheimischen konsultiert. Glücklich gefüllt fahren wir über die zwei Pässe hinein in die Máni und erreichen Agriakóna am Nachmittag. Dort installiert sich Flocke bald in Utas Atelier. Ihr sanftes Schwanzwedeln, eher eine sensomotorische Andeutung, signalisiert Zufriedenheit. Uta liest. Ich schreibe.

Am Samstag erwachen wir mit der Sonne und werfen einen ersten forschenden Blick in den Garten. Der Feigenbaum hat nahezu alle Blätter verloren. Der Winter ist auch auf der Peloponnes angekommen. Das tut der Fisch-Saison keinen Abbruch und ich kümmere mich um den gewaltigen Oktopus, den wir gestern gekauft haben, koche ihn, teile ihn in drei Portionen und verarbeite eine davon zu einem köstlichen Abendessen. Der Abend vergeht vor dem Bildschirm mit José Carreras, Plácido Domingo und Luciano Pavarotti.

Am Folgetag erreicht uns ein Paket, das bereits im November aus Deutschland losgeschickt wurde. Herzlich bedanke ich mich bei meiner Nichte und meiner Schwägerin! Ungeniert verschlinge ich sofort den leckeren Konfekt und das mitgelieferte Büchlein mit einer Geschichte aus dem geliebten Würzburg.

Nach dem freudige Wiedersehen mit unserer Griechisch-Lehrerin Sofia holen wir während der Mittagszeit Wasser am Brunnen und es erhebt sich langsam und beständig ein Wind. Während ich später in meinem Atelier schreibe, stößt schweres Gerät in die umliegenden Olivenhaine vor. Ein Radlader durchkämmt die Krumme. „Endlich kümmert sich jemand um die Bäume“ schießt es mir durch den Kopf. Das hoffe ich, denn seit Jahren blieben sie unbeschnitten und niemand hat die guten Beeren geerntet. Dabei ist mir klar, daß diese Aktivität auch auf einen Käufer verweisen kann, der hier bauen möchte.

Am Dienstag dann stürmt der Wind bereits. Er kommt von den Bergen und entwickelt im Nu unerwartete Kräfte. Als ich mit Flocke das Meer erreiche, treibt er bereits vier der sieben schweren Müllcontainer vor sich her und schiebt sie über die Küstenstraße hinweg wie Spielzeugautos. Bäume verlieren ihre Äste. In losen Abständen kämpfe ich mich durch den Garten, um neue Portionen heruntergefallener Früchte aufzusammeln. Dazwischen schreibe ich. Von Utas Atelier aus beobachte ich das Meer. In breiten Streifen weht der Wind Gischtwellen über die graue See, ununterbrochen über Stunden hinweg. Sie wirkt, als würde sie kochen. Am Nachmittag beginnt die Zeit der Stromausfälle. Ich verriegele Türen und Fenster und beginne damit, die Sturmopfer zu verarbeiten. Es entstehen Orangenmarmelade, Orangensauce und Orangensaft. Während der Nacht, die ich neben dem zitternden Hund sitze, geht mir eine Zeile aus dem Bob Dylan Song „Love Minus Zero/No Limit“ durch den Kopf: "The wind howls like a hammer, The night blows cold and rainy, My love she's like some raven at my window with a broken wing". 

Am nächsten Tag flaut der Wind noch vor 12 Uhr spürbar ab. Ich schreibe. Und wieder dreht sich der Tag um Orangenmarmelade.

Aber erst heute hat sich der Sturm beruhigt und macht dem Regen nun vollends Platz. Immer wieder Stromausfall. Wir begutachten die Schäden in den umliegenden Olivenhainen. Ich schneide einen umgekippten Olivenbaum aus dem Gartenzaun. Am Vormittag kaufen wir Eier, Kaffee und Kakao in Áγιοσ Νικολαοσ und trinken bei Hades einen Kaffee. Bill ist damit beschäftigt, das Dach zu reparieren. Julie meint, einen ähnlich starken Sturm habe sie hier zuletzt vor 25 Jahren erlebt. Den restlichen Tag verbringe ich mit Schreiben und wir verarbeiten einen weiteren Teil der vom Sturm abgerissenen Orangen, Mandarinen, Bergamotten und Orangen. Es gibt Marmelade und Kuchen. Ein Resümee: Nie zuvor hatte ich über einen längeren Zeitraum hinweg so viel Nachtschlaf wie in den letzten sechs Monaten. Werde ich gesund - oder werde ich alt?

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