LAVRION 2

 

 

Lavrion, Attika, Griechenland

 

 

 

Die achtundfünfzigste Woche unserer Reise: Montag, 16. bis Montag, 23. Dezember 2019

 

 

 

Nach warmen und sonnigen Tagen fegten gestern Winterstürme über die Ägäis. Seitdem geraten die Kykladen, deren Silhouetten bisher den Horizont begrenzten, immer wieder außer Sichtweite, ephemer, wie das Leben.

 

Wieder einmal wohnen wir an einem der zahllosen bebauten Hänge, die sich in den Mittelmeerländern, die wir bereist haben, kaum voneinander unterscheiden. Vor den uns end- und zeitlos erscheinenden Wassermassen versammelt sich die ganze Hinfälligkeit der menschlichen Zivilisationsversuche. An vielen Orten, so wie hier bei Lavrion, bereits seit der Steinzeit besiedelt, entstanden und zerfielen Bauwerke in mehr und weniger kurzen Rhythmen. Zwar befinden sich in unserem unmittelbaren Sichtkreis nur Bau- und Ruinenspuren der letzten 40 Jahre, wenige Schritte weiter schon blicken wir aber auf zerfallene Mauern aus dem vorletzten Jahrhundert und dem vorletzten Jahrtausend.

 

Somit finden wir hier, gemessen an unseren Bedürfnissen, eine ideale Infrastruktur vor:  - Coco hat im umfriedeten Garten genügend Auslauf, nahezu unbehelligt von den zahlreichen Straßenhunden – im Haus und auf der Terrasse ist genügend Platz zum Zeichnen, Malen, Kochen und Schreiben - vergangenen Montag fanden wir ein Postamt, bei dem wir unsere Weihnachtsbriefe abgeben konnten – ebenso zügig stießen wir auf freundliche Lebensmittelhändler und Müllcontainer – zwischen den verfallenden und vermüllten Orten entdecken wir immer wieder schöne Häuser, Gärten und Baudenkmäler!

 

Gestern folgten wir der Einladung von Kostas, einem älteren Herrn, den wir aus Skaloma kennen. Er hatte mir dort fachkundig gezeigt, wie ich den vom Jäger Wassilios frisch gefangenen Seeaal mithilfe von Feigenblättern vom Schleim befreien kann und wie man ihn weiter küchenfertig vorbereitet. Kosta wohnt mit seiner Familie in Athen; von seiner Dachterrasse aus sah ich erstmals die Akropolis! Nach einem Aperitif fuhren wir hinaus in einen östlich gelegenen Vorort zu einer beliebten und belebten Taberna. Die großen Tische der unübersehbaren Räumlichkeiten, nahezu vollständig besetzt zumeist von Familien, wurden während unseres Aufenthaltes ohne Pause von weiteren Gästen bestürmt. An diesem gemütlichen Ort erfuhren wir, dass das sonntägliche Mittagessen für Griechen recht flexibel zwischen 14.00 und 16.00 Uhr beginnen kann – und sich locker in die Abendstunden hineinentwickelt. Zur Vorspeise kamen beträchtliche Mengen diverser Leckereien an den Tisch – wir wählten davon (alle) aus: Tsatsiki, Feta, Salate, Bratkartoffel, frittierte Käsebällchen und Zucchini, gedünsteter Brokkoli, gegrillte Lammrippchen und Ente, u.s.f.. Als Hauptgang wurde Fleisch serviert – vom Lamm, Schwein, Huhn und Rind. Nahtlos schlossen sich Joghurt, kandierte Quitten und ein mit Sirup getränkter Biskuitkuchen an – all das natürlich flankiert von diversen Getränken. Kostas Sohn Giannis, der in London studiert hat, war sich der Herausforderung, der wir uns an diesem Nachmittag stellten, bewusst. Auf einen Kinofilm anspielend bemerkte er, ein sonntägliches Mittagessen wie dieses markiere den ersten Schritt auf der Leiter zur Vorbereitung auf eine griechische Hochzeit („My Big Fat Greek Wedding/Hochzeit auf Griechisch“ aus dem Jahr 2002).